Hallo Johan.
Ich möchte dir meine Erfahrungen erzählen - nicht als selbst Betroffene, sondern als engvertraute sowohl einer Epilepsie-betroffenen und einer anderen schwer depressiven Person.
Das ist also die Situation, in der deine Freunde/Bekannten/Verwandten sich befinden. Vielleicht hilft es dir ja, mal ihren Blickwinkel zu sehen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die Menschen in deinem Umfeld nicht wegen deiner Epilepsie abwenden.
Meine 12-jährige Tochter hat auch Epilepsie. Und meine Erfahrung damit ist, dass - bei einem Anfall - die meisten Menschen sehr besorgt und hilflos sind, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Egal, ob das zufällig anwesende Fremde auf der Straße sind oder enge Familienangehörige. Aber noch nie hat sich irgendwer deshalb abgewendet.
Vor langer Zeit, als die Menschen noch nichts über Epilepsie wussten, wurden Epileptikern wirklich die schlimmsten Dinge unterstellt, die dann zur Ausgrenzung führten. Aber diese Zeiten sind - zumindest hier - glücklicherweise vorbei. Zwar sind die Menschen immernoch hilflos, wenn sie einen Anfall sehen, aber niemand glaubt heute noch, dass der/die Betroffene deshalb ein böser Mensch sei.
Freundschaften zu knüpfen oder zu erhalten ist mit Depressionen schon sehr viel schwieriger und zwar für alle Beteiligten. Meine allerbeste Freundin hat seit vielen Jahren immer wieder schwere depressive Phasen. Sie zieht sich dann auch sehr zurück von allen Freunden und ihrer Familie. Ohne dass sie das will, wirkt ihr Verhalten dann sehr abweisend. Und als gute Freundin bin ich dann auch sehr unsicher, wie ich am besten mit ihr umgehen soll. Einerseits verkriecht sie sich und wird immer hoffnungsloser, je länger sie sich allein mit ihren negativen Gefühlen im Kreis dreht. Natürlich möchte ich ihr da gern beistehen und helfen. Andererseits braucht sie auch wirklich Ruhe und Zeit für sich und ich möchte sie auch nicht bedrängen. Außerdem habe ich auch gemerkt, dass ihre Probleme so groß sind, dass ich allein ihr da gar nicht helfen kann. Daher ziehe ich mich dann zeitweise auch zurück von ihr und lasse ihr Zeit und Raum, die sie braucht. Aber ich lasse sie auch wissen, dass ich jederzeit für sie da bin, wenn sie Kontakt möchte.
Und auch ich habe schon einige Lebenskrisen erlebt, in denen sie mir geholfen hat.
Es gab auch immer wieder Zeiten, in denen wir uns von einander entfernt haben, weil jeder gerade in einer eigenen Krise steckte. Dann hatten wir manchmal über viele Monate keinen Kontakt. Bis wir uns dann wieder auf eine Tasse Kaffee trafen und drauflos redeten als sei kein Tag vergangen seit dem letzten Treffen. Und aus meiner Sicht ist es das, was echte Freundschaft ausmacht. Egal wie groß die Pausen oder auch Meinungsverschiedenheiten sind - man findet früher oder später immer wieder den Weg zueinander. Inzwischen kennen wir uns seit 20 Jahren und gerade nach unseren längeren krisenbedingten Kontaktpausen, ist unsere Freundschaft immer noch besser geworden. Weil wir beide immer wieder zueinander gefunden haben, ganz egal was sonst in unseren Leben passiert war. Wir konnten uns immer darauf verlassen, dass diese Freundschaft bestehen bleibt, auch wenn es zwischendurch mal eine Weile ruhiger war.
Lieber Johan, vielleicht geht es manchen Menschen in deinem Umfeld auch gerade so.
Dass sich jemand zurück zieht, heißt nicht unbedingt, dass er/sie gar nichts mehr mit dir zu tun haben will. Und es heißt auch nicht, dass es immer so bleibt. Vielleicht ziehen sie sich nur für eine Weile zurück, weil sie dich einfach nicht bedrängen wollen. Für manche ist es auch schwer jemanden leiden zu sehen, den man sehr mag - aber ihm auch nicht helfen zu können. Oder vielleicht haben sie auch einfach gerade selbst Probleme und wollen dich nicht noch zusätzlich damit belasten.
Es kann viele Gründe geben, hinter denen eigentlich gute Absichten stehen. Aber oft ist das nicht direkt erkennbar.
Gib dir und den Menschen in deinem Umfeld etwas Zeit. Dann wird es sich nach und nach zeigen.
Ich wünsche dir viel Kraft um deine Krise zu meistern und mit deiner Depression klarzukommen.
Voitleja hat dir sehr gute Tipps gegeben: Sie plant ihren Tagesablauf durch und macht Dinge, die ihr persönlich helfen. Das kannst du auch machen mit den Tätigkeiten, die dir persönlich Freude machen. Meiner Freundin hat z.B. Joggen sehr geholfen den Kopf klar zu bekommen. Das kann bei jedem etwas anderes sein... und manchmal muss man eine Weile danach suchen. Aber es lohnt sich. Denn das eigene körperliche Wohlbefinden ist ein wichtiger Baustein, damit es auch der Seele wieder besser gehen kann.
Alles Gute, Johan!