Schafft das Ohr das gleiche wie das Auge?

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Als Buchstabensalat wird umgangssprachlich ein Durcheinander von Zeichen mit nicht oder nur schwer erkennbarem Sinn bezeichnet. Er wird zum Beispiel durch fehlerhafte Druckertreiber produziert, durch Tastaturtests, oder beim Betrachten von digitalen Texten in der falschen Zeichensatztabelle. Auch kryptographisch verschlüsselte Texte erscheinen in den meisten Fällen als Buchstabensalat.
1976 stellte Graham Rawlinson von der University of Nottingham im Rahmen einer Studie fest, dass die Reihenfolge der Buchstaben innerhalb von Wörtern – sofern Anfangs- und Endbuchstabe korrekt blieben – die Verständlichkeit nur begrenzt beeinflussen. Dabei ist es allerdings von Bedeutung, ob z. B. bei zusammengesetzten Worten diese für sich betrachtet werden. Zudem sind die Länge und der Vertauschungsgrad mitentscheidend, ob ein Wort noch gelesen werden kann. Das Wort Bcuhstbaenrehenifloge ist noch relativ einfach zu erkennen, während Bbnsghhceeunftloiraee kaum noch lesbar ist.
In der Datenkompression von Texten ist es auch möglich, auf die Vokale zu verzichten, ohne dass die Lesbarkeit zur Gänze verloren geht, auch hierbei kommen die gleichen Erfassungsmuster des menschlichen Gehirns zum Einsatz.

Als Beispieltext:

Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige was wcthiig ist, ist, dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sien, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems.

Meine Frage ist nun, ob Blinde über ihre Ohren mit hilfe eines Scrennreaders, die falsch zusammen gesetzten Buchstaben, zu richtigen Wörtern bilden können.

Ist das trainierte Ohr von Blinden, auch in der Lage, mit hilfe des Gehirns, falsche Buchstabenreihenfolgen wieder in die richtige Reihenfolge zubringen, wie das Auge beim sehenden.
Oder schafft das nur das Auge?

Neugiriege Grüße

Cross

Antworten

  • Als ich mir das eben durchgelesen habe, glaubte ich erst mein Screen Reader habe einen Schnupfen.
    Aber mein besuch hat mir gesagt das es Tatsächlich so geschrieben ist. Ich habe es mir mehrmals
    durchgelesen, aber bis auf einige Worte habe ich nur verstanden: Bahnhof Kofferklauen.
    Oldman

  • Hallo,
    also ich denke das es mit einem gezielten Training schon möglich sein kann aber
    natürlich nicht an hand von 2-3 Beispielen sondern schon intensiv Training.
    Schließlich kann das Ohr als Sinnesorgan schon aufgaben übernehmen als ersatz zum schlechten Sehen.
    Eine Geräuschkulisse wird anders Wahrgenommen von Menschen die nichts Sehen oder schlechter das ist sogar bewiesen worden.
    Ich konnte schon mal den Text gut lesen😀
    (aber dass Geheimnis verrate ich nicht)
    Die Sinnesorgane schaffen schon auf eine Bestimmte Art ausgleich.
    Ich hab auch mit der Linken Hand schreiben gelernt und konnte es dann mit beiden Händen.
    So gibt es mit sicherheit noch mehr Bespiele natürlich wird es auch da grenzen geben
    aber die Möglichkeit ist generell schon gegeben.
    Ist meine Meinung.

    Gruß
    Herbi




  • Ich war ja sehr gespannt auf dieses Experiment, da ich diese Studie von früher kannte und auch solche Texte mühelos "zusammenbasteln" konnte, rein visuell.

    Mit dem Screenreader schaffe ich es nicht, alles nur sinnlose Hyroglyphen, trotz mehrmaligen Versuchen. Oldman bezeichnet es als Schnupfen, für mich klang es mehr nach massiver Schweinegrippe. *smile*

    Herbi, ich finde dich sehr optimistisch 😀 ... mal sehen, was Birba dazu sagt.
  • Ein Hallo in die Runde,

    ich hoffe, ich darf mich als hörbehinderter Mensch hier mal einmischen 😀

    Ich glaube nicht, dass das Ohr die gleichen Leistungen wie das Auge schafft. Sondern vielmehr andere Leistungen bzw. die Stärken der beiden Sinnesorgane sind nicht dieselben. Ich versuche mal zu erklären, wie ich das meine:

    Beim Lesen sieht das Auge den ersten und den letzten Buchstaben quasi gleichzeitig, denn das Auge springt nicht von Buchstabe zu Buchstabe, sondern eher von Wort zu Wort. Man nimmt also das komplette Wort wahr. Deshalb versteht man diesen Kauderwelsch-Text auch.

    Im Gegensatz zum Ohr, das den Text von einem Screenreader die Buchstaben quasi hintereinander vorgelesen bekommt. In der Hunderstelsekunde, wo der letzte Buchstabe vorgelesen wurde, ist der erste schon gar nicht mehr "dabei", wenn ihr versteht, was ich meine.

    Ich denke, das ist der entscheidende Unterschied, warum es mit einem Screenreader viel schwieriger ist, einen solchen Text zu verstehen. Was aber nicht bedeuten soll, dass es unmöglich ist - ich bin mir sicher, dass das mit viel Übung auch gelingen sollte. Aber was nützt das? 😀

    Lieben Gruß,

    Tom
    MyHandicap
  • Hallo Tom, der nutzen ist wohl nicht gegeben, doch ich wollte auch als sh mal wissen, ob das Ohr bei blinden trainierbar und lernfähig ist, sich andere Sinne stärker ausprägen.
    War einfach neugierig, danke für eure Experimente und Meinungen.

    lg Cross
  • surfer
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    Hallo Leute,

    1.Leseerfassung allgemein

    Es stimmt, daß das Auge beim Lesen Saccaden,unbewußte Sprünge mit den Augen beim Lesen macht und meistens den ersten oder die ersten beiden bzw. miteinander die letzten beiden Buchstaben erfaßt, d.h es wird unbewußt ein Wortrahmen gebildet. Ein Konsonantenwirrwar ist zu entziffern, weil man durch Wortwissen bzw. muttersprachliches Wissen die Vokale einsetzen kann. Ein Wirrrwar aus Vokalen ist unmöglich zu entschlüsseln. Bei Blindenschrift ist es das gleiche nur daß bei Blinden die taktilen Reize der Blindenschrift im Sprachzentrum des Gehirns verarbeitet und ausgewertet werden.

    2. Sprachwissenschaft und Sprachverständnis

    Neben dem Wortwissen(Lautfolge, Grammatik,Bedeutung,Betonung) und Wortschatz wird beim Sprachverständnis unbewußt auch aus Erfahrungswissen und Kontext der endgültige Sinn einer Aussage erfaßt und bewertet.
    Rein beim Verständnis der verbalen Sprache hat ein Blinder das gleiche sprachliche Wissen der Muttersprache wie ein Sehender.
    Zudem kompensiert der menschliche Organismus durch die Plastizität des Gehirns die fehlende Sehkraft. Das passiert sowohl durch mehr Synapsen im Sprachzentrum des Gehirns(Wernicke Region links, Sprachverständis,Broca, rechts, Sprachzusammensetzung), als auch durch die Ausbildung eines feineren Gehörs.
    Es kann sogar sein, daß ein Blinder die Tiefenstruktur der Muttersprache, d.h. Dinge, die rein durch die Betonung den Unterschied ausmachen oder Dinge die mitgemeint sind, wie bei Ironie zum Teil besser erfaßt als Sehender.
    Schwierig wird es allerdings bei Gesprächen über Dinge die sehende Erfahrung voraussetzen, wie z.B. Farben oder manche Gegenstände. Hier kann ein Blinder, der mal gesehen hat mehr aus Erfahrung kompensieren, als umgekehrt.

    Fazit:
    Teilweise kann also das Gehör das gleiche leisten, wie das Auge.

    Gruß Surfer



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